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Funktionale Pragmatik 2016

Plenarvortrag Antonie Hornung

Übersetzen als Katalysator oder als Hemmschuh mehrsprachigen Schreibens?

Antonie Hornung (Modena)

Welche Zwecke verfolgt Übersetzen? Zunächst einmal möchte man davon ausgehen, dass das Übersetzen von Texten vor allem der Übermittlung eben dieser Texte an LeserInnen dient, die der Ausgangssprache nicht mächtig sind. In diversen didaktischen Zusammenhängen in Italien allerdings (und wahrscheinlich nicht nur dort) gilt Übersetzen aber nach wie vor auch als eine wichtige Sprachlernmethode. Man erkennt dies daran, dass Studierende mit schulischer Deutschlernerfahrung die Textlektüre jedes noch so einfachen Texts damit beginnen, dass sie erst einmal das zweisprachige Wörterbuch zücken und über jedes „unbekannte“ Wort die dort gefundene „Entsprechung“ schreiben. Erstaunlicherweise wird Übersetzen z. B. von meinen Kolleginnen der Anglistik auch als die ideale Methode gepriesen, um (in der Fremdsprache) schreiben, d.h. Texte verfassen zu lernen. Es handelt sich dabei um eine Kompetenz, deren mangelhafte Beherrschung auch in der Erstsprache der HochschulabgängerInnen von der Berufswelt (Camera di Commercio) je länger je mehr beklagt wird.

Akademische Schreibdidaktik in der zweiten oder der dritten Sprache hat vor diesem Hintergrund nicht nur die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich aus den grammatikalischen und textuellen Merkmalen der jeweiligen Sprache ergeben, sondern sie hat auch gegen die fossilisierten Lernkonzepte anzukämpfen, die den wörtlichen Übersetzungsreigen von der ersten über die zweite auf die dritte Sprache ausdehnen.

Die Frage, wie ein solcher Teufelskreis der oft unverständlichen Sprachproduktion in der fremden Sprache durchbrochen werden kann, steht im Zentrum meiner Ausführungen.

Anhand von Beispielen aus Abschlussarbeiten meiner italienischen Studierenden versuche ich aufzuzeigen, welchen Einfluss bewusste oder unbewusste Übersetzungsprozesse auf das Schreibhandeln der Studierenden haben können. Es geht mir dabei vor allem um die Frage, mit welchen Strategien Übersetzungshandeln auch für Schreibprozesse fruchtbar gemacht werden kann.